Die Arbeiten Richard Klammers sprechen eine klare Sprache und weisen ihn als einen Künstler aus, der sein Metier beherrscht. Die Umsetzung von Realitäten in Kunst vollzieht er mit charakteristischer Handschrift und technischer Perfektion. Sie belegt nicht nur seine kompetente Handhabung von Methoden, Mitteln und Materialien beim Malen und Zeichnen, sondern auch seine umfassenden Kenntnisse über Komposition, Bildaufbau, Modulation von Farbtönen etc. Darüber hinaus aber basiert der künstlerischen Mehrwert der Bilder auf Klammers Kunst- und Wirklichkeitsverständnis, das Maß an realen Verhältnissen nimmt und in konkreten Bildern seinen Ausdruck findet. Es schlägt sich nieder im souveränen Umgang mit den klassischen Traditionslinien der bildenden Kunst, die Klammer höchst eigenwillig weiterführt. Das zeitigt Formstrenge und Gegenstandsgenauigkeit die gerade deshalb Leidenschaftlichkeit nicht ausspart.
Klammers künstlerische Position und Entwicklung ist in Arbeiten aus jüngerer Zeit deutlich aufzuspüren. Beispielhaft in den Serien „Barock“ (2009) und „Favelas“ (2010).
In den Bildern die dem Werkkomplex „Barock“ zugeordnet sind, greift Klammer auf einen Topos barocker Malerei zurück: Himmelsbilder. Als Wolkenbilder in Wissenschaft und Kunst zuhauf anzutreffen, sind sie in Natura ganz einfach so, in den prächtigsten Versionen, vom Firmament herunter zu schauen. Vom Himmel, der seit je Projektionsraum für eine überirdische Realität ist. Wolken darin halten her für die Deutung von Verhüllung, Verfinsterung oder Freude und Wohlwollen des Himmels. Besonders als Inszenierungselemente des barocken Welttheaters. Letzterem verdingt sich Richard Klammer in dieser Serie in besonders großen Formaten.
Ein Farb-und Formkosmos, generös gemalt, tut sich auf in beeindruckenden Formationen von bevorzugt Schleier-, Schicht- oder Haufenwolken. Losgelöst von den Klassifikationen des Wolkenatlas und zu freien Wolkenstrukturen transferiert, generieren sie ein eigenes abstraktes Bildkonzept. Allein, wo im barocken Bild Englein herumfliegen oder sich andere Figuren aus dem Mythenkabinett tummeln, brummt bei Klammer ein Flugzeug oder Hubschrauber. Es sind Fixpunkte, die dem umtriebigen Wolkengeschiebe räumliche Tiefe geben. Näheres Hinsehen verrückt die Wolkenwirklichkeit ins Fiktionale. Klammers Kunst rechnet mit dem Sehen des Übersehenen. Er konstruiert damit einen Spannungsbogen vom Himmel als gewaltige Naturerscheinung, den sich der Mensch als Flugraum erobert hat, hin zum Himmelszelt als unendliches Dach für eine übersinnliche Welt. Er trifft damit recht genau die „Welt-anschauung“ der Barockzeit, bei dem die wissenschaftliche Rationalität bei der „Entzauberung der Welt“ (Max Weber), schwer mit einer metaphysisch motivierten, mythischen Wolkenleserei rang. Klammer artikuliert den barocken Unterbau der österreichischen Mentalität in säkularer Manier. Er öffnet mit Wirklichkeitssinn dem utopischen Möglichkeitssinn Raum.
Die Serie „Fremder Verkehrsort Favela“ bezieht sich vordergründig auf die soziale, politische und kulturelle Situation von Armenvierteln in Südamerika. Klammer bannt den Wildwuchs von Elendsquartieren auf großformatige Leinwände. Was auf den ersten Blick wie ein wüstes Durcheinander von Bauelementen anmutet, gewinnt bei näherem Hinsehen Struktur. Verkürzte Parallel- und Zentralperspektive machen aus den „fremden Verkehrsorten“, die frei von Menschen sind, flache, ausdrucksarme Architekturkomplexe. Ihnen scheint das Fundament zu fehlen. Dass sie in einen leeren, farblosen Himmel wuchern, macht sie nicht anziehender. Bei manchen Bildern reduziert Klammer die Farben auf ganz wenige Skalen und lässt von der Siedlungsansicht ein bloßes Skelett übrig. Er legt das üble Programm städtebaulichen Wildwuchses offen und damit das Chaos in der Ordnung. Wer auf der Folie von Klammers „Favelas“ die heimische Raumplanung und Architekturwüstenei aufzieht, erkennt die Exotik vor der Haustür. Klammers Favelas sind der in Malerei gefasste Satz von Bert Brecht: „Von diesen Städten wird bleiben, der durch sie hindurchgeht - der Wind“.
Da die Wahrheit nicht abstrakt ist, schafft Richard Klammer konkrete Bilder zur Sichtbarmachung der Wirklichkeit.


Dr.Willi Rainer, 2010